Adiós dem «Rückspiegel-Syndrom»: Spaniens neuer Stil

Adiós dem «Rückspiegel-Syndrom»: Spaniens neuer Stil

Der lange gefeierte Champions-League-Triumph von Real, der Mega-Transfer von Kylian Mbappé nach Madrid und dann noch die Verpflichtung des FC Barcelona von Hansi Flick. Spaniens Fußball findet nach aufregenden Tagen erst allmählich in den EM-Modus.

Seit Montagabend aber rollt der Ball auf dem Trainingsplatz des Mitfavoriten in Donaueschingen. Unter dem Motto «aporlacuarta» (etwa: «Für den vierten Titel») und mit einer vielversprechenden Mischung aus Routiniers und Jungstars geht der dreimalige Europameister ins Turnier.

Das «Vamos España!» prangt überall rund um den Sportplatz des Bezirksligisten SV Aasen und das Team-Quartier im noblen Öschberghof, vor dem ein roter Kunststoff-Stier steht. «Sehr zufrieden» ist Trainer Luis de la Fuente nach den beiden Testspiel-Siegen gegen Andorra (5:0) und gegen Nordirland (5:1) in Deutschland angekommen. Die Herausforderung EM nehme man «mit Optimismus, aber Bescheidenheit» an.

Tiki-Taka ist Vergangenheit 

Schließlich sind die Spanier in den Jahren nach den Turniersiegen bei der EM 2008 und 2012 sowie der WM 2010 oft genug früh abgereist, zum Beispiel nach dem 0:3 gegen Marokko im WM-Achtelfinale von Katar. Zuletzt stand die Furia Roja 2021 im EM-Halbfinale und empfahl sich im vergangenen Jahr als Nations-League-Sieger für die EM. 

Es ist nicht mehr das Spanien der glorreichen Vergangenheit mit Ballbesitzfußball ohne Ende. Und man will der auch nicht mehr nachtrauern. «Adiós dem Rückspiegel-Syndrom und der DNA des Tiki-Taka», schreibt das Portal «Marca».

Sammer: «Ergebnisorientierter Fußball»

Nüchtern-fachlich erklärt es Ex-Europameister Matthias Sammer im Kicker-Interview so: «Die Spanier wandeln sich von ihrem Primat des Ballbesitzes zum ergebnisorientierten Fußball.»
Spielerisches Spektakel versprechen vor allem Pedri, der nach dem Ausfall seines Nebenmanns Gavi (Kreuzbandriss) im Mittelfeld noch offensiver agieren soll. «Wir wissen noch gar nicht, was die beste Version seiner selbst ist, weil er so gut ist», sagt de la Fuente über den 21-Jährigen. 

Das gilt auch für Pedris Barcelona-Kollegen und Toptalent Lamine Yamal. Der Angreifer wird am Tag vor dem EM-Finale (14. Juli) erst 17. Mit 16 Jahren und 57 Tagen stieg er im vergangenen Jahr beim 7:1 gegen Georgien zum jüngsten Debütanten und Torschützen in Spaniens Geschichte auf.

Als Neuling und doppelter Torvorlagen-Geber überzeugte zudem Barcelonas Fermín Lopez (21) gegen Andorra. «Er ist pure Energie», sagt de la Fuente. «Ich kannte ihn nicht, aber ich mochte ihn gleich. Er kann in kurzer Zeit viel erreichen.» Für die Spanier geht es in der anspruchsvollen Gruppe B zum Auftakt am Samstag (18.00 Uhr/ARD und MagentaTV) in Berlin gegen Kroatien. Weitere Gegner in der Vorrunde sind Italien (20. Juni) in Gelsenkirchen und Albanien (24. Juni) in Düsseldorf. 

Routinier Rodri die Säule im Mittelfeld 

De la Fuente fischte bei der Kader-Nominierung aber nicht nur in Jungbrunnen, so fiel Pau Cubarsí (17) überraschend aus der Mannschaft und könnte nun bei Olympia in Paris auflaufen. Der Nachfolger von Luis Enrique und frühere Nachwuchs-Nationaltrainer setzt auch auffällig auf Routiniers: Der 27 Jahre alte Rodri von Manchester ist als Taktgeber und Abräumer die 1,90 Meter große Säule im defensiven Mittelfeld.

Von Real bringen sich die abgezockten Daniel Carvajal (32), Nacho und Joselu (beide 34) ein. Dazu bringen Kapitän Álvaro Morata (31) von Atlético Madrid und Jesús Navas (38) vom FC Sevilla viel Erfahrung im Angriff ein. Aus der Bundesliga sind Dani Olmo von RB Leipzig und der Leverkusener Meister Alejandro Grimaldo dabei. Nicht nur UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zollt dem Team höchsten Respekt: «Ich sage immer: Unterschätze niemals Spanien.»

Von Ulrike John, dpa